Qualität in Beton

Auf den ersten Blick wirkt die Firma Scheidt wie ein normales Betonwerk. Doch unter der Betonhülle steckt modernste, hochkomplexe Elektrotechnik und Elektronik.

Scheidt-Geschäftsführer

Scheidt-Geschäftsführer Rolf Becker informiert Christian Kramer von den Stadtwerken über die effizienten Abläufe im Unternehmen.

Das Werk am Galgenfeld ist nämlich längst kein reines Betonwerk mehr, sondern, wie das Geschäftsführer Rolf Becker und Betriebsleiter Andreas Krüger ausdrücken, „ein elektrotechnischer Fachbetrieb für Mittel- und Niederspannungstechnik mit Betonabteilung“. Da ist es nur logisch, dass Becker wie Krüger als Diplom-Ingenieure der Elektrotechnik den Betrieb führen.

Das Innenleben der „Betonhäuser“ hat sich für Scheidt mit der Energiewende, der Förderung regenerativer Energien, grundlegend geändert: Seit Strom über Fotovoltaik, Windkraft und Bio-gasanlagen massenhaft ins Netz gespeist wird, herrscht auf der einstigen Einbahnstraße Stromleitung inzwischen Gegenverkehr. Der bisherige Endverbraucher fungiert – etwa mit einer Fotovoltaikanlage – als „Einspeiser“. Das erfordert eine komplexe Technik. Waren früher „Trafo-häuschen“ mit Trafo, Schaltanlage und Niederspannungstechnik ausgestattet, gibt es heute eine lange Liste möglicher Aufrüstungen – je nach Anforderung – mit Mess- und Zähleinrichtungen, Wechselrichtern, Fernsteuertechnik, Fernübertragung aller Daten, damit sich die Station von einem zentralen Terminal aus bedienen lässt, bis zur Videoüberwachung. Die Bauten müssen heute auch wärmeisoliert sein, betont Becker: „Sinkt das Thermometer unter minus fünf Grad, kriegt die hochsensible Elektronik eine Erkältung.“

Gewandelt hat sich damit auch der Schwerpunkt der Produktion. „Wir sind“, sagt Becker, „mit dem Atomausstieg auch mit neuen Herausforderungen konfrontiert worden, welchen wir uns gerne stellen.“ Beispiel Windparkanlage bei Uetze: Hier lieferte Scheidt 21 Stationen. Beispiel Windpark Jepirachi in Kolumbien: Per Schiff gingen 15 Schaltstationen von Scheidt über den Atlantik.

Hochspannung heißt Risiko

Was sich kaum ein Laie klar macht: Ein Gebäude, in dem Hochspannung ankommt, ist Risikobereich. Für Scheidt heißt das, jeder Arbeitsschritt wird dokumentiert und geprüft. Das gilt für die Kabelstränge, die in einem eigenen Messraum unter Hochspannung gesetzt und nach den gültigen Vorschriften geprüft werden, ebenso wie für jedes andere Element, das ein Elektromonteur verbaut. Diese Abläufe begründen auch, dass die Firma Scheidt eine der ersten in Rinteln war, die sich der ISO-9001-Zertifizierung stellte. Der Anspruch, penibel und sorgfältig zu arbeiten, geht bis zum Anstrich des Fußbodens. Krüger drückt das nur halb scherzhaft so aus: „Wir verlassen eine Station rückwärts“. Das soll bedeuten, sind wir draußen, finden Sie keine Plastiktüte, keine Schraube und kein Staubkorn mehr in der Station.

Hier geht's zur zweiten Seite

Krüger sagt: „Wir brauchen nicht 100, sondern 130 Prozent Qualität. Wir können uns keine Fehler leisten, dafür müssen unsere Mitarbeiter sensibel sein. Einfach deshalb, weil eine Störung in einer solchen Station sofort ein richtiges Problem wird. Etwa wenn die Schlagzeile am nächsten Tag in den Medien heißt: „Stadtteil ohne Strom.“Jeder Prototyp einer Station, schildert Krüger, wird auf einem Hochleistungsprüffeld – etwa in Berlin – auf Sicherheit getestet. Testen, das heißt, es wird ein Kurzschluss ausgelöst. Das gibt einen gewaltigen Knall, erhebliche Druckbelastung in der Station und Temperaturen bis 12 000 °C im Lichtbogenplasma. Dabei fließen 21 000 Ampere Fehlerstrom eine Sekunde lang in der Station. Zum Vergleich: In einer 60-Watt-Glühlampe fließen 0,26 Ampere.

Und danach muss bei geschlossenen Türen auch die Strumpfhose der Dame, die gerade zufällig an der Station vorbeiging, unbeschädigt sein. Da darf in 10 cm Abstand nichts passieren. Qualität ist deshalb alles, und das geht bis ins Detail. Sogar der Kies für das Dach einer Trafostation wird von Rinteln aus mitgeliefert, damit man am Bestimmungsort nicht nach einem Betrieb suchen muss. Einen Tag bis zu zwei Wochen, je nachdem, wie komplex der Auftrag ist, dauert es, bis eine Station ausgerüstet ist und das Werk verlässt. Produziert wird „just in time“. Das heißt, was auf dem Hof steht, ist bestellt und wird bald zum Kunden unterwegs sein.

Der Vorsprung an Know-how, den man sich bei Scheidt erarbeitet hat, bringt Wettbewerbsvorteile. Ein Beispiel: Seit man in England beginnt, Windparks zu bauen, liefert Scheidt dafür Technik auf die Insel. Bei Scheidt arbeiten Facharbeiter aus der Elektrobranche, Schlosser, Maler und Betonbauer, rund 200 Beschäftigte, dazu kommen je nach Auftragslage bis zu 95 Zeitarbeiter.

Hochspannung heißt Risiko

Qualität

Qualität in Modulbauweise: Die bis zu 50 Tonnen schweren Trafostationen verlassen das Werk komplett am Stück.

Stationen gibt es schlüsselfertig – „wenn gewünscht, säen wir auch den Rasen darum herum ein und ziehen den Zaun“, sagt Krüger. Stationen gibt es als Leerbau, von der Stange oder nach Kundenwunsch auf den Zentimeter genau – praktisch Maßanzüge für Elektroenergieanlagen. Das bedeutet vor allem Handarbeit.

Der Plotter, die Zeichenmaschine, mit der die Türen, Durchlässe und andere Einbauten im Maßstab 1:1 auf den Produktionstischen markiert werden, hat im Rintelner Werk die Maße XXXL. Durch die Modulbauweise sind der Geometrie, der Größe der gesamten Anlage, kaum Grenzen gesetzt. Das gilt auch für die Außenhaut der Bauten: Man kann sie verputzen oder verklinkern, bemalen, was auch immer in die Landschaft passt, verschiedene Dachformen inklusive.

Die Stationen, die bis zu 50 Tonnen wiegen können, verlassen das Werk komplett am Stück. Das bedeutet, dann ist ein Schwertransport auf der Autobahn unterwegs mit Begleitfahrzeugen, in manchen Fällen sogar nur nachts. Deshalb sind für das Unternehmen mehrere Standorte, strategisch verteilt, genauso wichtig wie gute Verkehrsanbindungen. Angefangen hat Scheidt 1889 als Bauunternehmen in Herford, 1953 ist das Unternehmen nach Rinteln umgezogen, wegen der guten Weserkiese und -sande sowie der damals wichtigen Schiffsanbindung. Heute gehören zur Scheidt-Unternehmensgruppe Werke in Arnstadt, in Hoyerswerda und in Slowenien. Von dort werden vor allem Kunden in Südosteuropa, Österreich und der Schweiz bedient.

Scheidt liefert an alle großen Energieunternehmen, hat Kunden in der ganzen Welt und ist an vielen Großprojekten beteiligt. Zwei Beispiele: Für den Flughafen Halle-Leipzig hat Scheidt 380 Kabelschächte gebaut, Auftragsvolumen: 1,6 Millionen Euro, ebenso Kabelzugschächte für das Container-Terminal 4 in Bremerhaven.Der Erfolg der Firma Scheidt ist gleichzeitig für die Stadtwerke Rinteln ein wichtiger Faktor. Das Unternehmen bezieht jährlich rund 320 000 kWh Strom, 370 000 kWh Erdgas und nicht weniger als 1 600 Kubikmeter Wasser von den Stadtwerken.

Hier geht's zurück zur ersten Seite