Im Fokus: unser Abwasser

Dass der Klimawandel bereits begonnen hat, ist schon fast unstrittig. Diskutiert wird allenfalls die Frage, wie groß der Schuldanteil des Menschen daran ist.

Die Kläranlage reinigt Abwasser mechanisch, chemisch und biologisch.

Klimawandel in unseren Breiten heißt: Wetterextreme – wenn Sturm, dann heftig, wenn Regen, dann Starkregen. Da kommen Wassermassen vom Himmel, die die Regenwasserkanäle allein nicht mehr fassen können. Der Abwasserbetrieb der Stadt Rinteln hat darauf längst reagiert. Seit rund zehn Jahren, erklärt Grit Seemann, Diplom-Bauingenieurin und Leiterin des Abwasserbetriebes, wird das Netz der Regenrückhaltebecken in der Stadt Rinteln systematisch ausgebaut. Heute sind es zwölf Regenrückhaltebecken, zwei Regenüberlaufbecken und neun Hochwasser-Pumpwerke, die zu diesem Netz gehören. Ein Beispiel: Mehrmals haben Wolkenbrüche in der Kendalstraße für Überschwemmungen gesorgt. 2009 wurde ein Regenrückhaltebecken an der Mindener Straße gebaut. Als sich gezeigt hat, dass weiterer Handlungsbedarf bestand, weil bei starkem Regen immer noch Wasser über die Bordsteinkanten floss, hat der Abwasserbetrieb unter anderem Kanaldeckel eingesetzt, die man verschrauben kann,
damit sie vom Wasser nicht hochgedrückt werden können. Zudem hat das städtische Unternehmen neue Regenrinnen gezogen, Grabenböschungen erhöht, Wasserbausteine gemauert und den
Zulauf zum Becken optimiert.

Für den nördlichen Teil von Steinbergen gibt es seit 1999 ein Regenrückhaltebecken an der Bundesstraße 83. Doch zuletzt im Juni 2011 zeigte sich, dass im Extremfall auch die Häuser im Bereich der Linden- und Kirchstraße geschützt werden müssen. Deshalb soll in diesem Jahr in Steinbergen ein weiteres Becken hinter der Feuerwehr gebaut werden, das über drei Zuläufe 4850 Kubikmeter Oberflächenwasser aufnehmen kann. Regenrückhaltebecken, erläutert Seemann, sind so konzipiert, dass sie überschüssiges Wasser sammeln, das die Kanalisation nicht fassen kann. Die Wassermengen werden anschließend über ein Auslaufbauwerk kontrolliert und dosiert abgelassen. Kommt eine Flut vom Himmel, die rein rechnerisch ein zehnjähriges Regenereignis übersteigt, wie es in der Fachsprache heißt, dann gibt es immer noch einen Notüberlauf, der verhindert, dass das Bauwerk selbst beschädigt wird.

Allerdings ist der Schutz vor Überschwemmungen nach Starkregen nicht allein Aufgabe des Abwasserbetriebe, stellt Seemann klar: Es wäre illusorisch zu erwarten, dass die Wassermassen eines „Jahrhundertregens“ ohne weiteres im Kanal verschwinden. Um in einem solchen Fall größere Schäden zu verhindern, sind Stadtplanungsbehörden, Straßenbaulastträger und Umweltbehörden mit im Boot, um Flutmulden, Retentionsraum (Wasser-Rückhalteraum) und Rückstauflächen zu schaffen. Letztlich, so der Rat von Grit Seemann, sollten auch die Bürger in gefährdeten Gebieten selbst mehr Sicherheit schaffen, beispielsweise mit Rückstausicherungen. Auch hier berät übrigens, wie in anderen Fragen zu diesem Thema, der Abwasserbetrieb mit seinen Fachleuten. Das Abwassersystem in Rinteln ist auf einem modernen Stand. Die Kanäle werden mit speziellen Kameras untersucht. Diese Daten sind digital im Geografischen Informationssystem (GIS) gespeichert, wo man sie jederzeit abrufen kann, beispielsweise, wenn Straßen saniert oder Reparaturen notwendig werden.

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Moderne Infrastruktur im Untergrund

Joachim Schön ist Leiter des Klärwerkes. Rund 7000 Kubikmeter gereinigtes Abwasser werden von hier täglich in die Weser geleitet.

127 Kilometer Kanal für Schmutzwasser, 92 Kilometer für Regenwasser, 52 Kilometer für Mischwasser und 46 Kilometer Druckleitung ziehen sich unter Straßen und Grundstücken entlang. Druckleitungen hat man dort gebaut, wo das Gefälle nicht ausreicht und das Abwasser gepumpt werden muss. Zu diesem komplexen System gehören außerdem 35 Hauptpumpwerke, 182 kleine Pumpwerke und zwei kleinere Kläranlagen in Goldbeck und Friedrichswald. Auch finanziell ein hoher Aufwand: Insgesamt investiert der Abwasserbetrieb 2014 rund 1,4 Millionen Euro.

Das Abwasser der Stadt und seinen Dörfern mit rund 27.000 Einwohnern zu managen heißt: Kanäle wie Pumpwerke müssen überwacht, wenn nötig repariert, neue Anlagen geplant werden. So stellt der Abwasserbetrieb beispielsweise in diesem Jahr den Mischwasserkanal in Steinbergen in der „Halbe Sasse“ und „Am Fuchsort“ auf das Trennsystem um und schließt weitere Grundstücke in Todenmann an die zentrale Entwässerung an. Zudem erhält die Kläranlage eine neue Maschinenhalle für ihre Schlammbeschickung.

Gereinigt auf Badewasserqualität

Im Labor der Kläranlage wird das Abwasser regelmäßig überprüft.

Am Ende läuft alles am Doktorseeweg zusammen: In der Kläranlage, die das Abwasser mechanisch, chemisch und biologisch reinigt, bis es Badewasserqualität hat. Erst dann darf es in die Weser geleitet werden. Damit ist Abwassermanagement auch aktiver Umweltschutz. Wie das im Detail funktioniert, das ist eine eigene Geschichte. Auch, was man so alles im Abwasser finden kann – von einem Ehering bis zu Schildkröten. Im Labor der Kläranlage lässt sich auch feststellen, wo und wann verschmutztes Wasser unberechtigt eingeleitet worden ist. In der Kläranlage am Doktorseeweg kommen auch die Abwässer des Rintelner Unternehmens Wesergold an, die in einer vollautomatischen Reinigungsanlage vorbehandelt worden sind.

Der Abwasserbetrieb ist auch Helfer in der Not, wie all die Bürger wissen, in deren Häusern schon einmal Fäkalien aus der Toilette wieder hochgespült wurden. Der Spül- und Saugwagen ist auch am Wochenende mit einem Notfallteam besetzt, und die Mannschaft klärt vor Ort, warum und wo der Kanal verstopft ist. Dafür haben die Experten auch eine Kanalkamera an Bord.

Und dann gibt es Ereignisse, die man nicht vorhersehen kann, wie den Großbrand „Im Emerten“ im Februar vorigen Jahres, bei dem der alte Schlachthof in Flammen aufging. Auch in solchen Fällen muss der Abwasserbetrieb ausrücken. Denn wenn große Mengen Löschwasser in die Kanalisation laufen, könnte die Kläranlage „umkippen“. Deshalb hat der Bereitschaftsdienst des Abwasserbetriebes das Löschwasser über das Weserdüker-Pumpwerk an der Dankerser Straße in ein Regenüberlaufbecken umgeleitet. Das kontaminierte Wasser ist sozusagen „zwischengespeichert“ worden. Erst als ein Labor Wasserproben untersucht und dann „grünes Licht“ gegeben hatte, ist dieses Wasser an die Kläranlage weitergeleitet worden.

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