Bakterien fressen Altlasten

Die Stadtwerke Rinteln sanieren Grundwasser auf dem Gelände des ehemaligen Werks zur Stadtgasgewinnung mit einem innovativen Verfahren und rein biologisch.

In Rinteln ist es wie anderswo: Wo einst aus Kohle und Koks Stadtgas zum Kochen, Heizen und für die Straßenbeleuchtung erzeugt wurde, blieben Rückstände im Boden zurück. Dazu gehören zum Beispiel Schlacke und Ammoniak. Die Altlasten sind in Rinteln seit 2015 bekannt. Damals hat der Landkreis Schaumburg altlastenverdächtige Flächen systematisch untersuchen lassen und dabei auch die Boden- sowie Grundwasserverunreinigungen auf dem längst überbauten und versiegelten Stadtwerke-Gelände festgestellt. In den folgenden Jahren bis 2020 fanden zur Konkretisierung und Eingrenzung stufenweise weitere Untersuchungen statt, und die Kontamination wurde auf zwei Schadensherde eingegrenzt. Betroffen sind das Gelände der Stadtwerke und das angrenzende Grundstück der Bahn bis zu den Bahngleisen und kurz dahinter. In den überprüften privaten Hausbrunnen werden die Grenzwerte eingehalten.
Jetzt sanieren die Stadtwerke die belasteten Zonen in Abstimmung mit dem Lankreis. Sie haben sich für ein Verfahren entschieden, bei dem die auf dem Gelände stehenden Bauten erhalten bleiben. Die Sanierungsarbeit leisten Bakterien, die sowieso schon im Boden leben.

Mit Zucker angefüttert

Die Bakterien im Boden brauchen zunächst noch ein paar Mitarbeiter mehr, um einen guten Job zu machen. Deshalb werden die vorhandenen Kolonien mit Glukose, also Zucker, gefüttert und gut mit Sauerstoff versorgt. Auf diese Weise vermehren sie sich zu einer Stückzahl, die ausreicht, um die Altlasten einfach wegzufressen. Genial: Ohne Bagger und ohne Bodenaustausch schaffen sie es, dass die Schadstoffbelastung schnell abnimmt. Im Testfeld, in dem das Verfahren erprobt worden ist, ging die Konzentration von Cyaniden, also Salzen und anderen Blausäureverbindungen zum Beispiel, schon nach 50 Tagen stark zurück. Und das Allerbeste: Das Verfahren ist rein biologisch und kostet zudem deutlich weniger als ein konventionelles.

Grundwasser auf Kreislauf getrimmt

Im Detail: Im Januar 2021 haben die beauftragten Firmen M&P Ingenieurgesellschaft mbH und Sensatec GmbH mit der Errichtung der erforderlichen Infrastruktur und dem Anlagenbau für die komplexe Sanierung begonnen. Im ersten Schritt haben die Fachfirmen über 60 Löcher gebohrt, die bis in die Grundwasser führende Schicht in 3 bis 9 Metern führt. Über diese Löcher – sogenannte Sanierungsbrunnen – werden die Bakterien mit Zuckerlösung gefüttert. Nach einiger Zeit stellt man die Zusatznahrung ein. Dann machen sich die Organismen über das belastete Material her und vernichten so die Schadstoffe. Es sind insgesamt neun Zirkulationszellen vorgesehen, die über drei Anlagen gesteuert werden. Durch die Leitungen werden Sauerstoff und Glukose in den belasteten Boden injiziert; das Wasser aus der grundwasserführenden Schicht in den Schadensgebieten wird im Kreislauf geführt. Auf diese Weise ist gewährleistet, dass die Bakterien gut versorgt sind. „Auf unserem Gelände haben wir dafür Schläuche verlegt, die an den Gebäudewänden oberirdisch befestigt sind. Gesteuert wird das Ganze aus einem Container, der bei uns auf dem Betriebshof steht“, sagt Jan Giltmann, der Technische Leiter der Stadtwerke. Das Verfahren ist technisch so eingerichtet, dass kein belastetes Wasser das Grundstück der Stadtwerke verlässt.

Erste Anlagen in Betrieb

Inzwischen sind alle Sanierungsbrunnen errichtet und an die drei Anlagen angeschlossen. Der Landkreis Schaumburg hat dafür am 1. Juni 2021 die Erlaubnis erteilt. Seit dem 3. Juni 2021 ist die erste Anlage in Betrieb; seit 13. Juli 2021 die zweite. Die Sauerstoffinjektion an Anlage 1 läuft seit Juli 2021 und jetzt – im September – beginnen dort die Fachfirmen mit der Glukosefütterung. „Wir sind sehr gespannt auf die Ergebnisse und Erfolgsmessungen“, sagt Aglaia Nagel von der M&P Ingenieurgesellschaft mbH. „Die ersten werden uns nach rund zwei Monaten vorliegen. Wir werden die Öffentlichkeit darüber selbstverständlich informieren.“

Im Labor und Testfeld erfolgreich

Zur Entwicklung der Sanierungsstrategie waren im Vorfeld viele Labortests erforderlich und letztendlich auch der Aufbau eines kleinen, 10 mal 10 Meter großen Testfeldes am Standort selbst. Im Ergebnis zeigte sich sowohl im Labor als auch im Testfeld, dass innerhalb kürzester Zeit ein Schadstoffrückgang zu beobachten ist.

Rundum günstiger

Die Sanierung wird rund zwei bis drei Jahre dauern und die Stadtwerke Rinteln nach heutiger Einschätzung rund eine Million Euro kosten. Dieser biologische Weg ist damit nicht nur deutlich kostengünstiger, sondern kommt auch ohne Bodenaushub aus. Das konventionelle Verfahren war auf rund acht Millionen Euro veranschlagt – den Wiederaufbau der abgerissenen Gebäude und die Belastungen durch eine Großbaustelle noch nicht mitgerechnet.